Cowboys

 

 

Ein hochgewachsener Mann mit wettergegerbten Gesicht, den breitrandigen Statson tief in die Stirn gezogen, zwei saubergeputzte Colts in den Halftern - der Cowboy, wie er in unserer Phantasie existiert, und wie er seit Jahrzehnten über Kinoleinwand, Bildschirm und die Seit von Westernromanen reitet. Ein Cowboy, der für alle Entrechteten und Unterdrückten eintritt, der gelegentlich Rinder hütet und ansonsten voll damit ausgelastet ist, hübschen Mädchen aus der Patsche zu helfen. Die Wirklichkeit sah anders aus. Cowboys arbeiteten von frühmorgens bis spät in der Nacht, sie kümmerten sich um die riesigen Herden, fingen Rinder mit dem Lasso ein und brandmarkten sie, sie flickten Zäune, bauten Weidehütten, brachen Pferde ein, und in gefährlichen Gegenden kamen noch einmal zwei bis drei Stunden Nachtwache für jeden Mann dazu. >>A Cowboys work ist never done!<< sagte ein Sprichwort, >>Die Arbeit des Cowboys ist niemals getan!<< Und das war alles andere als übertrieben. Cowboys gab es schon im siebzehnten Jahrhundert. Bereits im Frühling 1655 trieben irische Kriegsgefangene, die von Cromwell nach New England deportiert worden waren, eine kleine Herde Mastrinder von Springfield nach Boston. Hundert Jahre später wurde das Wort Cowboy für die Rinderhirten von Virginia, Carolina und Georgia gebräuchlich, die ebenso gut mit Lasso und Brandeisen umzugehen verstanden wie später ihre texanischen Kollegen. In Mexiko bewachten spanisch- indianische Mischlinge, sogenannte Vaqueros (span. vaca = Kuh), die Herden der Großgrundbesitzer und Rancheros. Die große Zeit des texanischen Cowboys begann Mitte der sechziger Jahre, als das Ende des amerikanischen Bürgerkrieges mit dem Frieden von Appomattox besiegelt wurde und die ohnehin schon riesigen Herden zu Millionenherden angewachsen waren.

 

 

Dies Longhorns, wie die texanischen Rinder wegen ihrer langen Hörner genannt wurden, bedeuteten den einzigen Reichtum des Staates, der ansonsten von Kriegsgewinnlern, Geschäftemachern und Carpetbeggars (Ausbeutern) erbarmungslos ausgebeutet wurde. Mit den Rindern aber wusste niemand etwas anzufangen, und die Rancher rauften sich die Haare bei dem Gedanken, dass die in Texas nur wenige Dollar werten Tiere im Norden des neu gefestigten Staatenbundes den zehnfachen Preis einbringen würden. Doch wie sollte man die Longhorns zu den Schlachthöfen bringen? Die Eisenbahn war noch nicht bis in den Süden vorgedrungen, und der Transport auf Schiffen lohnte sich wegen der hohen Kosten nicht. Die Lage schien aussichtslos, bis man sich der Idee eines gewissen Mister Edward Piper erinnerte, der im Jahre 1846 eine tausendköpfige Herde nach Ohio getrailt hatte. Warum also sollte man die Rinder nicht aus dem Landwege zur Eisenbahn nach Norden treiben können? Zwei Tatsachen begünstigten diesen mehr als kühnen Plan. Einmal waren die Indianer größtenteils >befriedet< und in Reservationen gebracht worden, zum anderen erkannte ach Joseph McCoy, ein Viehaufkäufer aus Illinois, die Möglichkeit von Rindertreiben und sah sich rechtzeitig nach einem Verladebahnhof um. Er stieß auf die kleine Stadt Abilene in Kansas, wo gerade die Ankunft des ersten Eisenbahnzuges begeistert gefeiert wurde. Joe McCoy Schloss Verträge mit dem Stadtrat, er baute ein riesiges Hotel für die Cowboys, er errichtete Koppel und Verladerampen, und er teilte die Weiden vor Abilene in Zonen ein, wo sich die Rinder von den Strapazen des Trecks erholen konnten. Aus dem staubigen Prärienest wurde eine Großstadt, Saloons, Spielhöllen und zweifelhaft Amüsierbetriebe wurden förmlich aus dem Boden gestampft, und Abendteuerer, Glücksspieler, Revolvermänner und Dirnen erschienen in der Stadt. Alles wartete auf den Reichtum, den Rinder und Cowboys in die Stadt bringen sollten. Und der Reichtum kam! Riesige Longehornherden wurden über einen kaum markierten Weg nach Norden getrieben, der nach einem fahrenden Händler Chisholm Trail genannt wurde, weil Jesse Chisholm weite Strecken des Trails als Handelweg benutzt hatte. Nun war daraus die >größte Rinderstraße der Welt< geworden, ein über tausend Meilen langer Trail, der von San Antonio, Texas, nach Kansas führte. Der reißende Ströme kreuzte, sich durch wüstenähnliche Gebiete und über felsige Hänge wand, und der mit tausend Gefahren auf die Männer aus dem Süden wartete. Keine Minute während des Trecks durften sich die Cowboys sicher fühlen, überall lauerten Viehdiebe, Banditen und räuberische Indianer; konnten Sand- und Wirbelstürme, Gewitter, Schlangenbisse und ansteckende Krankheiten das Ende eines Rindertreibens bedeuten. Die größten Gefahr auf dem Treck aber lag in einem Wort: Stampede! Stampede, das waren erschrockene und aufgebrachte Rinder, die mit steil aufgerichtetem Schwanz davon stoben und alles niedertrampelten, was sich ihnen in den Weg stellte. Die so lange rannten, bis ihnen die Luft ausging, meilenweit, dass sie selbst erfahrene Cowboys nur schwer wiederfanden.

 


Manch ein Rancher büßte durch eine solche Stampede seine ganze Herde ein, und manch ein Cowboy kam unter den donnernden Hufen ums Leben. Chisholm Trail - tausend Meilen Abenteuer, drei Monate Strapazen und Gefahr! Ein Spektakel, das von keinem Roman und keinem Film übertroffen wurde, und das mit dem sogenannten Round Up (Viehzusammentrieb) seinen Anfang nahm. Unter Leitung eines besonders erfahrenen Cowboys wurden die Rinder für die Trailherde zusammengetrieben und gebrändet. Da sich die Rinder einer solchen Herde meist aus dem Bestand mehrerer Rancher zusammensetzte, drückte man den Tieren ein zusätzliches Zeichen auf die Schulter, das nur für die Dauer des Trecks Gültigkeit besaß. Als Leitstier wurde ein intelligentes Tier, meist ein bulliger Stier mit Moos auf den Hörnern, auserkoren, der es erleichterte, die Herde zusammenzuhalten. Eine Trailherde bestand meistens aus fünfhundert bis maximal dreitausend Stück Vieh, und da man gewöhnlich einen Cowboy für zweihundertfünfzig bis dreihundertfünfzig Rinder rechnete, waren zusammen mit dem Trail Boss, seinem Stellvertreter, dem Koch und dem Pferdetreiber ungefähr zehn bis dreißig Männer unterwegs. Männer, die jeder Gefahr ins Auge sahen und während des Trecks zu einer eisern zusammenhaltenden Gemeinschaft zusammenwuchsen. Der wichtigste Mann einer solchen Trail - Mannschaft war der Trail Boss. Er war während des Trecks für Mensch und Tier verantwortlich, er teilte die Reiter ein, bestimmte die genaue Route, entschied, wann getrieben wurde oder nicht. Von seinem Können hing das Gelingen eines Trecks hauptsächlich ab, eine Mannschaft ohne guten Boss kam gewöhnlich nicht weit. Meistens ernannte er einen erfahrenen Cowboy zu seinem Stellvertreter, zu seinem segundo. Waren alle Vorbereitungen getroffen, Mensch und Tier ausgeruht, der Küchenwagen überprüft, die Pferde zu Remuda (Pferdeherde) zusammengetrieben, deutete der Trail Boss zum Polarstern und schrie gellend: »Point &acute;em north!« - »Treibt sie nach Norden!« Und die massigen Rinderleiber setzten sich in Bewegung.
Vornweg ritten die pointers, erfahrene Reiter, die Stampedes förmlich rochen und die Rinder davon abhielten, sich mit anderen Herden zu vermischen. Hinter den pointers ritten zwei swing Riders und die flank Riders, die an den beiden Seiten der Herde Entlangritten und mit ihren Bullpeitschen dafür sorgten, dass die Rinder nicht ausbrachen. Am Schluss der Herde quälten sich die drag Riders mit dem schwachen, jungen und kranken Tieren der Herde herum, eine Arbeit, die oft auf die jungen Cowboys abgewälzt wurde, denn am Ende der Herde zu reiten, das war der unangenehmste Job. Hier ballte sich der Staub, den Tausende von Hufen aufwirbelten, setzte sich in Nasen, Ohren und Augen fest und machte den Männern das Treiben zur Qual.

 

 

»So ein Treibtag hats immer in sich!« berichtete Trail Boss Sim Holstein im Jahre 1879. »Der Koch weckt die Männer bei Sonnenaufgang. Dann hat er das Frühstück fertig. Noch während die Männer essen, bringen die Pferdetreiber die Remuda (Pferdeherde) ins Lager und treiben sie in den Corral. Hier fängt sich dann jeder Mann sein Pferd, das er einen halben Tag lang reitet. Das nächste Pferd kommt am Mittag dran. Er nimmt bei jedem Wechsel ein anderes, bis er wieder bim ersten angelangt ist. Zunächst lässt man die Herde grasen, wobei man sie allmählich in die Marschrichtung drückt. Nach zwei bis drei Meilen geht&#8217;s dann los, und es wird marschiert, nachdem die neugeborenen Kälber getötet worden sind. Gegen Mittag wird gerastet und die größte Tageshitze verdöst. Am Nachmittag geht&#8217;s weiter, etwa sieben bis acht Meilen bis Sonnenuntergang. Der Koch fährt inzwischen voraus zu dem Lagerplatz, den ich ausgesucht habe. Er schirrt das Gespann aus und bereitet das Abendessen. Wenn die Herde in Sicht kommt, hobbeln die wrangler (Pferdetreiber) die Reservepferde an, so dass sie sich in der Nacht nicht weit entfernen können. Nach dem Essen fängt sich jeder sein Nachtwache - Pferd, und die Herde wird auf engstem Raum im Kreis zusammengetrieben, indem die Männer etwa zwei Stunden Lang immer engere Kreise um sie reiten. Zwei Männer halten Nachtwache und umreiten langsam, ruhig und dabei singend die schlafende Herde. Sie werde alle drei Stunden abgelöst. Solange die Longhorns vertaute menschliche Stimmen hören, schlafen sie ruhig wie gewiegte Kinder. Ich habe in solchen Nächten viele neue Songs gehört, die einem Mann denn gerade einfiel, und die später in ganz Amerika gesungen wurden. Das Singen war aber auch für die Wachen gut, weil es sie am Einschlafen hinderte. Die übrigen Männer lagen am Boden, jeder die Zügel seines gesattelten Nachtpferdes in der Hand. Gab es eine Stampede, so waren sie alle in einer Sekunde im Sattel. Wer sich selbst in den Schlaf sang, weil er hundemüde war, der rieb sich geriebenen Tabak in die Augen, dann hielten ihn die Schmerzen wach.«

 


Für diese schwere Arbeit, die ein Cowboy während des Trecks zu verrichten hatte, bekam er zwanzig bis vierzig Dollar pro Monat ausgezahlt. Mehr bekamen nur der für alles verantwortliche Trail Boss und der Koch, der nicht zu Unrecht als eine der wichtigsten Personen auf dem Treck galt. Von seinen Mahlzeiten hing das geistige und leibliche Wohl der Cowboys, von seinem Kaffee die Laune der Reiter ab. Jeder hatte Respekt vor ihm, und selbst die rauesten Burschen schlugen einen großen Bogen um ihn, wenn er einmal schlechte Laune hatte - getreu der alten Cowboyregel: »Nur ein Narr streitet mit einer Frau, einem Maultier oder einem Koch!« Ein cookie, wie der Mannschaftskoch von den Cowboys liebevoll genannt wurde, fuhr der Herde meist weit voraus und erreichte den vom Trail Boss bestimmten Lagerplatz schon ein oder zwei Stunden vor allen anderen. Dort angekommen schirrte er das Gespann seines Küchenwagens aus und bereitete ein Essen, das im wahrsten Sinn des Wortes >unter die Rippen< gehen musste. Meist bestanden diese Mahlzeiten aus Sauerteig - Biskuits und Steaks mit Dörrobst oder Reis - kein Essen für Feinschmecker, aber typische Kraftnahrung für schwer arbeitende Männer, von denen einer im Durchschnitt zwei bis drei Pfund Fleisch, zwei Pfund Brot und Teigwaren, ein Pfund Speck und Fett und ein halbes Pfund Zucker oder Sirup am Tag verspeiste. Hinzu kamen unzählige Becher eines Kaffees, der »einen drei Tage toten Indianer von den Fußspitzen bis zu den Haarwurzeln erzittern lassen musste«. (31 oder 32) Gemüse gab es höchst selten, und auch Milch, Butter und Eier nur dann, wenn man in die Nähe einer Stadt kam, und sich den Koch eine Gelegenheit zum Einkaufen bot.
Ein Cowboykoch war aber nicht nur für das leibliche Wohl der Reiter verantwortlich. Er musste auch Haare schneiden, Wunden verarzten und Zähne ziehen können, er musste Pferde beschlagen und Wagen reparieren, Strümpfe stopfen, Geschichten erzählen, Briefe schreiben und Streitigkeiten schlichten, und wenn Viehdiebe oder Indianer das Camp bedrohten, musste er seine Töpfe mit Revolver und Gewehr vertauschen. Bei alledem jedoch durfte er seine Feuerstelle nie aus den Augen lassen, und wehe dem Koch, der die Mahlzeiten trotz aller wilden Tiere, Sandstürme und Gewitter nicht pünktlich an die Männer ausgab. Als Küche diente dem cookie ein sogenannter Chuckwagon,der nicht zu Unrecht als Sorgfältig und so dass nichts während der Fahrt herausfallen konnte, lagen dort alle Kochutensilien verstaut. in den großen unteren Fächern die großen Pfannen, Töpfe und Teller sowie Becher, Besteck und das unvermeidliche Sauerteig - Fässchen; in den mittleren Schubladen Lebensmittel, Konserven und Trockenfrüchte; und in den kleinen oberen Fächern Gewürze, Salz, Zucker und Backpulver. Werkzeuge, Zeltplanen, Hufeisen, der sogenannte Dutchoven und überhupt alle großen und schweren Gegenstände fanden auf dem Boden der Chuck - Box Platz.

 

 

Um das Essen zubereiten zu können, musste der Koch die Rückwand des Chuckwagons herunterklappen, die gleichzeitig als Verschlussklappe und Küchentisch diente. Unter diesem Brettertisch hing während des Lagerns eine große Schüssel, die das schmutzige Geschirr aufnahm. Gekocht wurde über einer Mulde, die der Koch an jedem Lagerplatz in den Boden grub. Brennmaterial bezog er aus der sogenannten >caboose<, einer mit Holz und Kohlen gefüllten, unter dem Wagen angebrachten Rinderhaut, und Wasser konnte er, falls nicht in der Nähe eines Baches gelagert werden, aus einem der beiden Fässer schöpfen, die an den Seiten des Wagens befestigt waren. Alles war sofort griffbereit, und manche moderne Hausfrau würde sich heute glücklich schätzen, wäre ihre Einbauküche so praktisch und raumsparend eingerichtet wie damals der Chuckwagon.

 

War das Essen fertig und dampfte der Kaffee im Kessel, griff der Koch nach seiner größten Pfanne und schlug mehrere Male mit seinem Kochlöffel dagegen. »Come an&acute; get it!« rief er, »Kommt und holt es euch!« Oder »Bacon in the pan!« (»Speck in der Pfanne!«) und »Coffee in the pot!« (»Kaffee im Kessel!« Und die hungrigen Cowboys ließen sich nicht zweimal bitten. Wie ein Sturmwind preschten sie auf ihren Pferden heran, sprangen vor dem Chuckwagon aus dem Sattel und ließen sich von ihrem Cookie die Blechteller füllen. Sie alle hatten viele Stunden lang hart gearbeitet und einen entsprechende Stärkung bitter nötig......